Rede von Evrim Camuz in der Regionsversammlung am 26.06.2018

  • Veröffentlicht am: 29. Juni 2018 - 10:24
Evrim Camuz
Evrim Camuz, Foto: Sven Brauers © Grüne Hannover

--Es gilt das gesprochene Wort--

Rede von Evrim Camuz in der Regionsversammlung am 26.06.2018 zur Beschlussdrucksache "Strategie- und Handlungskonzept Verkehrssicherheit für die Region Hannover" (1150 BDs)

 

Vielen Dank Herr Vorsitzender,

sehr geehrter Herr Regionspräsident,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

zunächst einmal möchte ich mich bei der Regionsverwaltung, insbesondere dem Verkehrsbereich und Herrn Franz danken.

Danken dafür, dass sie sich diesem komplexen und schwierigen Thema gewidmet haben.

Auch dafür Danken, dass sie mit Unterstützung der Identitätsstiftung, dieses doch sehr emotionale und gleichzeitig trockene Thema innovativ angegangen sind.

Und nun zum eigentlichen Thema

Wie viele Menschen wollen wir in der Region Hannover vor Verkehrsunfällen schützen und wie viel Risiko lassen wir zu?

Um wie viel % wollen wir die Unfallzahlen mit teils tragischen Folgen reduzieren, wie viele Verkehrstote und Schwerverletzte akzeptieren wir?

30, 50, oder 60 %?

Wollen wir 100 oder 1000 Unfälle weniger?

Man kommt ins Grübeln, nicht?

Die Region kam zu dem Ergebnis, dass sie die Verkehrsunfälle um 40 % bis 2035 verringern möchte.

40 %

Also sagen wir 40 % weniger Tote und Schwerverletzte und die 60 % nehmen wir bis 2035  so hin.

Ich möchte die Eingangsfrage anders formulieren, wie viele Opfer würden Sie in ihrer Familie oder meinetwegen Freunden bringen?

Sieben Kinder starben im letzten Jahr in einem Verkehrsunfall in der Region Hannover, bei einer Verringerung von 40 % heißt das, dass wir grob vier Kinder schützen und drei Kinder für die vermeintlichen Vorzüge der schnellen Mobilität opfern.

Welches ihrer Kinder würden sie nun opfern?

Ich muss zugeben, die Frage ist zynisch, aber genauso zynisch ist die Forderung die Zahl der Verkehrstoten und Schwerverletzten um lediglich 40 % verringern zu wollen.

Denn natürlich wollen wir keinen aus unserem Umkreis opfern.

Es ist nicht hinnehmbar, dass nur Eine/r sein Leben im Verkehr verliert.

Wenn Vision Zero für unsere Familien gilt, gilt es dann nicht für alle?

 

Es gibt da jemanden, einen Philosophen, der hat vor langer Zeit mal vorgeschlagen, man solle so Handeln, dass die Maxime seines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.

In Neudeutsch:

Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg auch keinem andern zu.

Und auf unseren Fall bezogen bedeutet dies:

Wenn du nicht willst, dass jemand aus deiner Familie oder aus deinem Freundeskreis bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt, dann sorg dafür, dass wir eine Infrastruktur haben, in dem kein anderer bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Vision Zero ist unsere Maxime!

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

  • Wir brauchen also Mut. Wir müssen Mut zeigen zu Maßnahmen, die im ersten Moment nicht immer populär sind:
  • Wir müssen Geschwindigkeiten reduzieren, denn Geschwindigkeit mit Masse ist der Killer Nr. 1
  • Wir brauchen Logistikkonzepte, die Lkws aus den Lebensräumen der Menschen verbannen, Stichwort Trimodaler Standort Wunstorf
  • Wir müssen Verbündete suchen, zum Beispiel den deutschen Städtetag und uns für bundesweite Gesetze einsetzen, mehr 30iger Zonen, verpflichtende Abbiegeassistenten für LKWs
  • Und ja, dafür braucht es eine europäische Lösung, denn Abbiegeassistenten dürfen nur mit der Zustimmung der EU vorgeschrieben werden, aber ich möchte daran erinnern, dass wir auch freiwillig tätig werden dürfen und beispielsweise den Fuhrpark der Aha mit Abbiegeassistenten ausstatten könnten, wenn wir denn so wollen!
  • Wenn Autos Menschen verletzen gar töten, dann müssen diese klar von Radfahrer*innen getrennt werden, auch in Ortseinfahrten!
  • Wir brauchen also einen radikalen Paradigmenwechsel

Und sehr geehrter Herr Regionspräsident, vertrauen Sie mir, eine Helmpflicht für Kinder, hätte keines der sieben getöteten Kinder gerettet. Die Menschen müssen sich nicht vor der Infrastruktur schützen, nein, die Infrastruktur muss die Menschen schützen.

Lasst uns daher nicht auf einen weiteren Anlass warten, um aktiv zu werden,

wir brauchen keinen weiteren tragischen Unfall, um zu verstehen, dass Vision Zero die einzig akzeptable Antwort ist.

Kurzum, die uns vorliegende Drucksache ist lediglich ein Zwischenschritt, aber keinesfalls das, wo wir hin wollen.

In diesem Sinne,

Null Schwerverletzte,

Null Verkehrstote  auf unseren Straßen -

keine weiteren Hinterbliebenen, die um den Verlust eines geliebten Menschen  trauern müssen.

Denn jede/r Tote ist eine/r zu viel!

 

Wir Grüne fordern Vision Zero!