Rede

Lilly Pietsch: Rede zum Klimaschutzkonzept der Region Hannover 

TOP 26: Fortschreibung des Klimaschutzkonzeptes für die Verwaltung der Region Hannover – Säule 3: Unterstützungsmaßnahmen und Querschnittsaufgaben für eine treibhausgasneutrale Region Hannover 2035

– Es gilt das gesprochene Wort –

Danke Frau Vorsitzende,
sehr geehrte Alle,

ich gehöre zu einer Generation, die mit den Konsequenzen der Entscheidungen leben wird, die wir heute hier treffen.

Aber ich möchte heute gar nicht mit der Zukunft anfangen. Ich möchte mit diesem Sommer anfangen. Mit einem Sommer, in dem wir wieder extreme Hitze erleben. In dem Wälder brennen, Böden austrocknen und Menschen an den Folgen der Hitze sterben.

Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass in Deutschland bis Mitte Juli bereits rund 9.800 Menschen infolge der Hitze gestorben sind. Auch Niedersachsen ist mit schätzungsweise 420 Menschen betroffen. Das sind keine abstrakten Klimazahlen. Das sind Menschen. Und deshalb ist die Klimakrise längst keine Frage mehr, ob sie irgendwann kommt. Sie ist da.

Und genau deshalb beschließen wir heute nicht einfach 52 weitere Maßnahmen. Wir entscheiden darüber, ob wir aus unseren Klimazielen konkrete politische Handlungsfähigkeit machen.

Mit der Säule 3 schließen wir die Neustrukturierung unseres Klimaschutzkonzepts ab. Unser Ziel ist klar: Die Region Hannover soll bis 2035 treibhausgasneutral werden. Die Säule 3 nimmt dabei insbesondere Unternehmen, Bürgerinnen, Kommunen und weitere Schlüsselakteurinnen in den Blick.

Und ich finde: Dieses Ziel ist nicht nur richtig. Es ist notwendig.

Aber für mich ist entscheidend, wie wir diese Veränderung gestalten. Denn die Klimakrise trifft nicht alle Menschen gleich. Wer im schlecht gedämmten Dachgeschoss wohnt, erlebt 40 Grad anders als jemand mit klimatisiertem Einfamilienhaus. Wer wenig Geld hat, kann steigende Energiepreise nicht einfach auffangen. Und wer alt, krank oder besonders schutzbedürftig ist, trägt ein besonders hohes Risiko bei extremer Hitze.

Klimaschutz ist deshalb immer auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit. Eine Klimawende, die sich nur Menschen mit Eigenheim und ausreichend Geld leisten können, ist keine gerechte Klimawende.

Die Klimakrise ist keine Naturkatastrophe, die uns einfach von außen trifft. Sie ist das Ergebnis einer Wirtschaftsweise, in der Gewinne privatisiert und die Kosten zu oft auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.

Deshalb begrüße ich ausdrücklich, dass dieser Beschluss explizit soziale Aspekte berücksichtigt: die Förderung von Solarprojekten im sozialen Wohnungsbau, Beratung, die auch Mieterinnen erreicht, Unterstützung für energetische Sanierungen und die geplante Bürgerinnen-Energiegenossenschaft.

Denn darin steckt für mich eine wichtige politische Idee: Die Energiewende darf nicht etwas sein, das mit Menschen passiert. Sie muss etwas sein, das Menschen selbst mitgestalten können.

Wenn Bürger*innen und Kommunen gemeinsam in erneuerbare Energien investieren können und Wertschöpfung und Gewinne in unserer Region bleiben, dann ist das nicht nur Klimaschutz. Es ist ein Stück wirtschaftlicher Demokratie.

Auch die Wärmewende müssen wir sozial gestalten. Klimaneutrale Wärme darf kein Luxus sein. Deshalb sind Förderungen für klimaneutrale Wärmeversorgung und kommunale Nahwärmeprojekte so wichtig.

Aber – und das ist mir besonders wichtig: 52 Maßnahmen auf Papier verhindern noch keinen Waldbrand. Deshalb müssen wir uns daran messen lassen, was tatsächlich passiert.

Der Klimaweisen-Rat unterstützt die Säule 3 ausdrücklich. Gleichzeitig fordert er, die Treibhausgasminderung und den Aufwand der einzelnen Maßnahmen zu quantifizieren, damit wir sinnvoll priorisieren können. Sein Fazit lautet: „Jetzt ist genau diese Operationalisierung notwendig!“

Und genau das müssen wir ernst nehmen. Wir dürfen Klimaschutz nicht daran messen, wie viele Maßnahmen wir beschlossen haben. Wir müssen fragen:

Wie viel CO₂ sparen wir tatsächlich?

Wie viel Solarenergie bauen wir tatsächlich aus?

Wie viele Gebäude werden tatsächlich saniert?

Und erreichen wir damit wirklich Klimaneutralität bis 2035?

Das Monitoring ist deshalb keine Bürokratie. Es ist die Infrastruktur unserer Glaubwürdigkeit.

Und wir haben dabei auch wirtschaftlich etwas zu gewinnen. Die Studie zur regionalen Energiewende geht von rund 24,9 Milliarden Euro zusätzlichen Investitionen bis 2035 aus. Gleichzeitig könnten dadurch rund 9,5 Milliarden Euro regionale Bruttowertschöpfung entstehen.

Klimaschutz ist also nicht der Gegensatz zu wirtschaftlicher Vernunft. Klimaschutz ist eine Investition in unsere Zukunft.

Und Nichtstun ist keine neutrale Option. Nichtstun bedeutet mehr Hitzetote, mehr Waldbrände, mehr Schäden und am Ende höhere Kosten – gerade für diejenigen, die ohnehin am wenigsten haben.

Ich möchte, dass wir als Region zeigen, dass Klimaschutz anders geht: sozial gerecht, demokratisch und konsequent.

Deshalb stimmen wir diesem Beschluss zu. Nicht als Endpunkt. Sondern als Verpflichtung.

Eine Verpflichtung, die wir – beziehungsweise Sie alle, die nach den Kommunalwahlen hier weitermachen – jedes Jahr überprüfen müssen. Eine Verpflichtung, bei der wir nachsteuern müssen, wenn Maßnahmen nicht funktionieren. Und eine Verpflichtung gegenüber den Menschen, die heute unter der Klimakrise leiden – und gegenüber denen, die nach uns kommen.

Denn die Frage ist nicht mehr, ob die Klimakrise da ist. Die Frage ist, was wir jetzt daraus machen.

Wir beschließen heute nicht Klimaschutz für irgendwann. Wir beschließen, wie wir mit einer Klimakrise umgehen, die bereits Menschenleben kostet – und wir müssen dafür sorgen, dass dieser Klimaschutz sozial gerecht und messbar ist.

Vielen Dank.

Anlage

Fortschreibung des Klimaschutzkonzeptes für die Verwaltung der Region Hannover – Säule 3: Unterstützungsmaßnahmen und Querschnittsaufgaben für eine treibhausgasneutrale Region Hannover 2035 (5031 (V) BDs)

Kontakt für Rückfragen

Lilly Pietsch (Foto: Sven Brauers)

Lilly Pietsch
Klimaschutzpolitische Sprecherin
lilly.pietsch@regionsversammlung.de