Gehrden wirtschaftlich gesehen

  • Veröffentlicht am: 1. Juli 2009 - 10:28
von links nach rechts: Christiane Kemnitz, Heinz Strassmann, Wolfgang Germerott , Hinrich Burmeister und Fred-Martin Dillenberger

Die Mitglieder von Bündnis 90/ Die Grünen im Wirtschaftsausschuss der Region besuchten am 23. Juni Gehrdener Unternehmen und waren zu Gast bei der Wirtschaftsförderung der Stadt. Dabei bestätigten sich wieder einmal Grüne Ansätze für eine lokale Wirtschaftspolitik.

Wie stellt sich Wirtschaftförderung vor Ort dar? Mit dieser und weiteren Fragen im Gepäck starteten unsere Mitglieder im Wirtschaftsausschuss der Region, Hinrich Burmeister und Heinz Strassmann, ihren Ausflug nach Gehrden. Dass mit Heinz Strassmann ein echter Gehrdener die Kontakte zu den Unternehmen und zur Stadtverwaltung herstellte, mag mit Grund dafür gewesen sein, dass in freundlicher und offener Atmosphäre Themen auf den Tisch kamen, die den Mittelstand bewegen. Dass die Sonne an diesem Tag ganz Gehrden und das Gewerbegebiet Gehrden-Ost beschien, half sicher auch.

Kleine Stadt mit gesunden Strukturen

Gehrden gehört zu den kleinsten Städten der Region Hannover. Bei rund 16.000 EinwohnerInnen haben lediglich Pattensen und Wennigsen eine noch kleinere Bevölkerung vorzuweisen. Gleichzeitig ist Gehrden räumlich nicht in direkter Nähe zum Regionszentrum Hannover und nicht beeinflusst durch die drei Trabantenstädte Laatzen, Garbsen und Langenhagen. Diese räumliche Distanz zu den Einkaufs- und Wirtschaftsmagneten der Region spiegelt sich dann auch in einer funktionierenden und vitalen Innenstadt wider. 30 ÖPNV-Minuten vom Kröpcke überzeugt Gehrden für eine Kleinstadt mit einer erstaunlichen Vielfalt an Einzelhandel in der Innenstadt. Dabei sind Ketten ebenso vertreten wie örtliche Einzelhandelsunternehmen. Leerstände sind eher die Ausnahme. Kommt es doch zu Ladenschließungen, bietet die Verwaltung frühzeitig ihre Kooperation an. Dieses Angebot wird laut Erster Stadträtin Christiane Kemnitz häufig erst zu spät oder gar nicht in Anspruch genommen.

Ein Grund könnte darin liegen, dass im Internetauftritt der Stadt über diese individuelle Hilfestellung gar nichts zu finden ist. Stattdessen gibt es einen Werbeclip, der in erster Linie auf Neuansiedlungen von außerhalb abzielt. Aus unserer Sicht das falsche Mittel. Statt individuellem Ansprechpartner, lokaler Identität und Strategie - standardisierte Werbebotschaften. Immerhin die Beratungsangebote der Region Hannover sind sauber eingepflegt. Dieses statische Internetangebot könnte aber schon bald der Vergangenheit angehören, denn seit September 2008 beschäftigt Gehrden auf Honorarbasis erstmalig einen Wirtschaftsförderer. Dieter Quednau versteht sich als Netzwerker, ist bemüht, den Kontakt zu den Wirtschaftstreibenden aufzubauen und kennt sich aus im Förderdschungel von EU, Bund, Land und Region. Er war lange Zeit im Wirtschaftsministerium tätig. Positiv äußerte sich Herr Quednau über das Service- und Beratungsangebot der Wirtschaftsförderung der Region.

Mit dem Unternehmerbüro, der HRG als Grundstücksgesellschaft und hannoverimpuls bestehen die richtigen Instrumente, um Unternehmen in der Region mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

hannoverimpuls und das Handwerk

Allerdings wird das Förderangebot von hannoverimpuls vor Ort noch als zu abgehoben wahrgenommen. Den definierten Zielbranchen fühlt man sich nicht zugehörig, es herrscht das Vorurteil, hannoverimpuls diene nur der Stadt Hannover. Das führt dazu, dass die tatsächlich breit aufgestellten Wettbewerbe und Maßnahmen von hannoverimpuls nicht beachtet werden. Eine Baustelle für die regionale Wirtschaftsförderung, um auch im Mittelstand des Umlandes zu punkten. So äußerte sich zumindest das lokale mittelständische Handwerk, das Ziel unserer Firmenbesuche war. Mit den Firmen Germerott Innenausbau GmbH & Co. KG und Dietmar Müller Heizung - Lüftung - Sanitär GmbH besuchten wir zwei Betriebe mit einer Größe zwischen 50 und 100 MitarbeiterInnen.

Die beiden Unternehmungen gehören damit zu den größten Arbeitgeberinnen in Gehrden. Die Vielfalt mittelständischer Betriebe auf engstem Raum (beide Unternehmen trennen vielleicht 200 Meter Luftlinie) wurde hierbei mehr als deutlich. Müller kann man wohl getrost als echtes Familienunternehmen bezeichnen. Empfangen wurden wir vom Unternehmensgründer, seinem Sohn und seiner Tochter. Die familieninterne Übergabe des Betriebes vom Vater auf den Sohn steht noch bevor. Anders bei Germerott: Hier hat sich bereits vor drei Jahren der Gründer aus der Geschäftsführung zurückgezogen. Die Geschicke leiten hier nun zwei im Jahre 2006 extern in das Unternehmen geholte Geschäftsführer. Entsprechend klar ist die weitere strategische Ausrichtung des Betriebes, der sich der qualitativen Weiterentwicklung des hochwertigen Trockenausbaus verschrieben hat.

Konjunkturpaket II - Außer Spesen nichts gewesen?

Beide Unternehmen verbindet, dass Bemühungen um öffentliche Ausschreibungen und Aufträge eine untergeordnete Rolle spielen. Beide Handwerksbetriebe beklagen den hohen organisatorischen und zeitlichen Aufwand bei gleichzeitiger Ungewissheit des Erfolgs. Die Unternehmen wünschen sich, dass nicht nur der günstigste Preis zählt, sondern Qualität, tarifliche Bezahlung und Einhaltung der tatsächlichen Kosten bei Durchführung stärker berücksichtigt werden. Mögliche Aufträge aus dem Konjunkturpaket II erfahren also in beiden Unternehmen keine gesonderte Beachtung. Personelle Ressourcen werden lieber darauf verwendet, das bestehende Kerngeschäft zu erhalten oder auszubauen. Wenn diese beiden Auffassungen beispielhaft sind, werden vom Konjunkturpaket wohl die Bauunternehmen und gewerblichen Handwerksbetriebe profitieren, die überregional operieren und - vorsichtig formuliert - in hohem Maße auf flexible Beschäftigungsverhältnisse bauen. Auch die Ausschreibung kleinerer Lose hilft hier wenig, da eine systematische Sichtung und Bewerbung auf öffentliche Aufträge in den ortsansässigen Betrieben nicht erfolgt.

Keine Frauen im Trockenbau und Sanitärhandwerk

In beiden besuchten Betrieben wirken Frauen nur in den Büros.

Die Baustellen sind fest in Männerhand. Die Ursachen hierfür sind teilweise altbekannt, teilweise von Vorurteilen geprägt und teilweise überraschend. Zunächst einmal bewerben sich so gut wie keine jungen Frauen für eine Ausbildung zur Trockenbaumonteurin. Bei beiden Berufen wird angeführt, dass die Arbeit körperlich schließlich sehr schwer sei und sogar viel "über Kopf" gearbeitet werden müsse. Ein Argument, mit dem Frauen jahrzehntlang die Sportart Gewichtheben - heute für Frauen olympisch- verwehrt wurde. Es scheint wohl die Vorstellung zu existieren,

dass Frauen als zierliche Schönheiten die Baustellen "bereichern" sollen.

Dass bei Frauen Kraft und Körperbau genau so unterschiedlich ausfallen können wie bei Männern, will man nicht wahr haben. Eine Dauerbaustelle ganz anderer Art!

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